Wo die Gastfreundschaft wohnt

Iran - Teil 1: Die herzlichen Sonnenseiten des WĂŒstenlandes

24. Oktober 2017: Mit dem Überqueren der Grenze schreiben wir das Jahr 1396. Freitag ist der neue Sonntag. Das Land befindet sich in einer eigenen Zeitzone mit 30 Minuten Zeitverschiebung gegenĂŒber seinen Nachbarn. Die Schrift ist arabisch, wird aber hier „persisch“ genannt. BĂŒcher haben ihren RĂŒcken auf der rechten Seite und werden von links nach rechts geblĂ€ttert. Die genannten Preise betragen exakt 10% der erwarteten Geldmenge. Im Straßenverkehr herrscht lebensgefĂ€hrliche Anarchie, aber wer am Beifahrersitz Platz nimmt, entschuldigt sich höflich bei den Passagieren am RĂŒcksitz. Willkommen am Planeten Iran!

Sieht nach viel Geld aus, ist aber zu wenig fĂŒr einen ganzen Monat im Iran.

Das Grenzgebiet zwischen TĂŒrkei und Iran ist gebirgig und manchmal schneit es Ende Oktober bereits. Aus diesem Grund haben wir uns die letzten Tage und Wochen etwas beeilt und wir fahren erfolgreich dem Schnee davon. Nun, am zweiten Abend im Iran nehmen wir uns die Zeit noch weitere Hinweise ĂŒber die nordwestliche Region des Landes und ĂŒber mögliche Routen rauszufinden. Blogs anderer Radreisender erweisen sich als besonders nĂŒtzliche Informationsquellen und interessante BettlektĂŒren. Wir lesen von einem Paar, das vor der Einreise in den Iran noch viel Geld in bar abhebt, da alle westlichen Bank- und Kreditkarten nicht funktionieren werden. Genau… da waren einmal Wirtschaftssanktionen, aber mittlerweile sollte Geld-Abheben kein Problem mehr sein, denken wir. Zur Sicherheit sehen wir trotzdem nochmal auf der Seite des Außenministeriums nach. TatsĂ€chlich – hier steht es: „Es empfiehlt sich die Mitnahme von US-Dollar oder Euro in bar. Reiseschecks und internationale Kreditkarten werden nicht akzeptiert. Es ist nicht möglich, mit Bankomat- oder Kreditkarten Bargeld zu beheben. Überweisungen aus dem Ausland sind kaum möglich.“ Uns fĂ€llt wie Schuppen von den Augen, dass wir einen gröberen Bock geschossen haben: Wir sind mit viel zu wenig Cash unterwegs! Wie konnten wir DAS nur ĂŒbersehen/vergessen/ignorieren? Es ist schon nach Mitternacht, aber wir stehen nochmal auf und durchsuchen alle unsere Taschen nach Bargeld: 4 585 000 Iranische Rial und 325 US Dollar. Das klingt nach viel Geld, sind aber gerade mal 412 USD insgesamt. Wenn wir etwa bis Ende November hier bleiben und jeden Tag nur 12 Dollar zu zweit ausgeben, dann geht sich das aus. Man könnte das schaffen… mit viel Campen, Warmshowern oder Couchsurfen und ohne irgendwelche Extras. Wir sehen uns mit fehlenden Worten an und fĂŒhlen uns beide wie die grĂ¶ĂŸten AnfĂ€nger. Gerade in einem Land wie dem Iran wollen wir uns nicht als Schmarotzer durchschlagen. Wir brauchen Kohle! Bevor wir uns dann doch ins Bett legen, googeln wir nach Beschaffungsmöglichkeiten und schreiben Kontakte an, die uns eventuell helfen könnten. In dieser Nacht trĂ€umen wir beide schlecht und ahnen noch nicht, dass wir gerade in die Welt der nicht ganz trivialen internationalen GeldgeschĂ€fte mit dem Iran eingetaucht sind.

Am Abend folgen nach kurzen GesprĂ€chen oft Einladungen zur Übernachtung, so wie von dieser Familie in Marand.

Am nĂ€chsten Morgen fahren wir mal weiter. Wie schon die Tage zuvor kommen wir laufend mit der herzlichen Gastfreundschaft der Iraner in BerĂŒhrung. Immer wieder freuen sich so viele, uns zu sehen. Sie winken uns zu oder bleiben mit ihren Fahrzeugen stehen, um mit uns zu reden. Geschwind wird im Auto oder in den Taschen gewĂŒhlt und etwas gesucht, das man uns auf den Weg mitgeben kann. So erhalten wir Bananen, Mandarinen, TrockenfrĂŒchte, NĂŒsse, Tee, Kekse oder Bonbons. Manchmal scheinen unsere Vorratstaschen jeden Moment zu platzen. Diese berĂŒhrenden Gesten sind immer begleitet von einem großen, ehrlichen LĂ€cheln und einer herzigen Neugier ĂŒber unsere Herkunft. Als kleinen Gefallen unsererseits gibt es auf Anfrage einen Selfie und manchmal eine „Freundschaft“ in sozialen Medien. Am Abend erreichen wir das nĂ€chste StĂ€dtchen, wo wir (auch wegen der budgetĂ€ren Ungewissheit) bereits vorab einen Gastgeber via Warmshowers organisiert haben. Am Stadtrand treffen wir eine Familie mit zwei jungen MĂ€dchen, die sich freuen mit Kathi English reden zu können. Schon nach kurzer Zeit lĂ€dt uns die Familie fĂŒr die Nacht zu sich nach Hause ein. Wir finden es schade, dass wir diese Einladung ablehnen mĂŒssen, da unser geplanter Gastgeber bereits auf uns wartet. Immer wieder bieten uns Fremde ein Dach ĂŒber dem Kopf an und wĂŒrden sich sehr freuen uns als ihre GĂ€ste zu haben.

Are you famous in Austria? Junger Iraner auf Hormuz

No, we are not famous in Austria. We are only popular in Iran. Kathi

Detail der Freitagsmoschee in Yazd. Gastfreundschaft hat im Islam lange Tradition.

Die GroßzĂŒgigkeit macht uns anfangs auch etwas ratlos – wie soll man damit korrekt umgehen? Schnell lernen wir, dass nicht alle Einladungen bedenkenlos angenommen werden können. Ta’arof bezeichnet das iranische Höflichkeitsritual, das darauf abzielt, dass beide Parteien möglichst einfĂŒhlsam zueinander sind. Wir essen in einem Restaurant und wollen bezahlen. Der Restaurantbesitzer gibt uns zu verstehen, dass er uns einlĂ€dt. Wir protestieren und legen das Geld auf den Tresen. Schnell willigt der Wirt ein und nimmt das Geld. Es wĂ€re unhöflich und geizig von ihm gewesen, Geld fĂŒr das Essen von uns zu verlangen. Umgekehrt wĂ€re es auch unhöflich und dreist von uns gewesen, den von uns geforderten Service nicht zu bezahlen. Am nĂ€chsten Tag will Kathi ein zusĂ€tzliches, hĂŒftbedeckendes Shirt kaufen. Zuvor kommen wir mit dem Ladenbesitzer ins GesprĂ€ch, erzĂ€hlen von unserer Reise und lassen uns ĂŒber öffentlichkeitstaugliche KleidungsstĂŒcke beraten. Bei der Bezahlung kommt auch hier die Einladung des Ladenbesitzers. Kathi legt wieder das Geld hin und sagt, dass wir dieses Geschenk nicht annehmen können. Dieses Mal wehrt sich der VerkĂ€ufer aber mit energischer Vehemenz gegen die Bezahlung – vielleicht ist es ihm unangenehm, dass Kathi in seinem Land zum Kauf bestimmter Kleidung gezwungen wird. Nach mehreren Zahlungsversuchen geben wir auf und verlassen den Laden mit einer neuen, geschenkten Tunika. Die „Regel“ des Ta‘arof sagt, dass man Angebote dreimal abschlagen soll. Wenn dann die Einladung noch immer steht, dann ist sie wirklich ernst gemeint.

Das Bargeld-Problem sind wir los und wir nutzen mit Freude den Bankomaten.

Nebenbei kommen wir auch der Lösung unseres Bargeld-Problems etwas nĂ€her. Diverse „Agents“ oder auch manche SouvenierverkĂ€ufer bieten Bargelddienste mit unterschiedlich hohen Kommissionen an. Der Agent unseres Vertrauens verlangt nur 5% Provision fĂŒr die Transaktion. Also tĂ€tigen wir die Bezahlung per Kreditkarte auf der belgischen(!) Webseite der Agentur. Hierbei ist zu beachten, dass die Sache nur ĂŒber einen VPN funktioniert. Ansonsten wĂŒrde die österreichische Bank anhand der IP-Adresse erkennen, dass die Transaktion vom Iran aus durchgefĂŒhrt wird, und sie wĂŒrde dann möglicherweise die Kreditkarte sperren. Soweit so gut. Jetzt, wo das Geld digital auf einem iranischen Konto ist, bleibt nur noch die Frage wie wir zu den physischen Rial kommen. Da unser Agent in Teheran sitzt – das wir erst einer Woche erreichen werden – brauchen wir jemanden mit einem iranischen Bankkonto, der das Geld ĂŒberwiesen bekommt und fĂŒr uns abhebt. Beim Versuch selbst ein iranisches Konto zu eröffnen scheitern wir. „Geeignete“ Freunde von Freunden können wir auch erst frĂŒhestens in Teheran treffen. Wir sitzen in einem kleinen Restaurant und grĂŒbeln. Sollen wir vielleicht den netten und vertrauenswĂŒrdig-wirkenden Restaurantbesitzer fragen, mit dem wir zuvor ein langes GesprĂ€ch gefĂŒhrt haben? Wir wagen es und erzĂ€hlen unsere peinliche Geschichte. Er hört aufmerksam zu und sagt dann mit einem sanften Ton „There is a problem with the cash.“ OK, denken wir, es war zumindest einen Versuch wert. Doch dann fĂ€hrt er fort: „It is not safe to run around with so much money in your pocket… my partner and I will give you one of our bank accounts.” Wir verstehen gar nichts mehr und im nĂ€chsten Moment haben wir schon eine iranische Bankomatkarte in unseren HĂ€nden, Geheimcode inklusive! BankgeschĂ€fte sind im Iran nicht ganz so streng reguliert wie in Europa – genauer gesagt: sie sind de facto unreguliert. Jeder Bankkunde hat zig Konten, auf die man nur mit der jeweiligen Karte zugreifen kann. Transaktionen in beliebiger Höhe passieren ohne jegliche Kontrolle in Sekundenschnelle, zu jeder Tageszeit. Nur eine halbe Stunde spĂ€ter haben wir nicht nur wieder genĂŒgend Geld und die Möglichkeit im ganzen Iran problemlos unser Bargeld abzuheben, sondern auch zwei neue Freunde. Unglaublich – all die Sorgen sind dahin!

Wir fahren weiter. Nach vielen Tagen des (zwischenmenschlichen und meteorologischen) Sonnenscheins erwischt uns der Regen etwa 30 km vor dem nĂ€chsten Etappenziel in Soltaniyeh so richtig. Aber auch in so einer Situation ist der hilfsbereite Iraner sofort zur Stelle. Ein Truckfahrer sieht die zwei patschnassen Radfahrer und lĂ€dt sie kurzerhand in seinen Lastwagen. In der warmen und trockenen Kabine gibt es Tee, Knabbereien, schöne Musik und gute Laune bei tollpatschigen VerstĂ€ndigungsversuchen. Noch zwei weitere Male – einmal als wir etwas mĂŒde Beine haben und ein letztes Mal als sich wieder schlechtes Wetter zusammen braut – nehmen wir das selbstlose Angebot ein StĂŒck des Weges mitzufahren gerne an. Die Distanzen im Iran sind riesig und als wir auch noch den ursprĂŒnglich nicht geplanten „Umweg“ zu der sehenswerten WĂŒstenstadt Yazd auf uns nehmen, merken wir, dass die Zeit fĂŒr den restlichen Weg bis zum Persischen Golf zu knapp wird. Unser Visum lĂ€uft aus und es gilt Mitte Dezember eine FĂ€hre in die Emirate zu erreichen. Kein Problem – da wir bereits wissen, dass die Trucker gute Freunde der Radfahrer sind, sprechen wir an Trucker-RaststĂ€tten die Herrschaften auch mal aktiv an. Als der erste Trucker selbst nicht in die gewĂŒnschte Richtung fĂ€hrt, stellt er eifrig sicher, dass wir bei einem seiner Kollegen gut aufgehoben sind. „No problem“ ist die schnelle Antwort und schon sind unsere FahrrĂ€der auf den Lastwagen geladen.

Die absoluten Höhepunkte der iranischen Gastfreundschaft erleben wir aber nicht auf der Straße, sondern in den großen StĂ€dten Teheran, Isfahan, Schiras und Bandar Abbas. Drei Monate zuvor trafen wir in Toronto den Iraner Amir in einer – nun ja – Burlesque-Show. „Let me know when you are in Iran, my father and I put you in contact with some people.” Wir dachten in Toronto, dass ein nettes GesprĂ€ch mit Einheimischen bei einem Kaffee doch eine gute Sache wĂ€re
 noch waren wir ahnungslos, was es heißt im Iran jemanden „kurz“ zu treffen: Wir werden jeweils fĂŒr mehrere Tage in den Wohnungen der Freunde eingeladen, zu jeder Mahlzeit wird köstliches Essen fĂŒr uns vorbereitet, jeder Tag wird nach unseren PrĂ€ferenzen mit Sightseeing-Programm durchgeplant, wobei Bezahlungen fĂŒr Tickets oder Taxis aus unserer Börse strengstens abgelehnt werden. Immer werden wir als Teil der Familie behandelt, haben schöne und offene GesprĂ€che, aber auch PrivatsphĂ€re, wenn wir uns zurĂŒckziehen wollen. Wir sehen, dass persische und europĂ€ische „gute Sitten“ gar nicht weit voneinander entfernt liegen, nur dass sie im Iran fĂŒr AuslĂ€nder besonders ernst genommen werden. Es ist schwer diese Herzlichkeit zu beschreiben
 und jedes Mal schmerzt der Abschied sehr. Als wir am 9. Dezember in die FĂ€hre steigen, blicken wir mit Wehmut auf 1Âœ Monate echte Gastfreundschaft zurĂŒck.

Der Iran hat sehr viel zu bieten: prĂ€chtige KulturstĂ€tten und Architektur, wunderschönes Kunsthandwerk, sehenswerte Landschaften und eine faszinierende Geschichte. Am meisten beeindruckt das Land jedoch durch seine Menschen. Die Offenheit und Herzlichkeit gegenĂŒber Fremden konnten wir noch in keinem anderen Land so sehr spĂŒren wie im Iran. Wo viel Licht ist, ist aber leider auch viel Schatten – mehr dazu im nĂ€chsten Teil…

One Response to “Wo die Gastfreundschaft wohnt”

  • zia khedri

    Ich badanke mich bei Ihnen fĂŒr Ihre informationen.aber ich möchte hinzufĂŒgen . im sommer reisen nicht nach Iran . weil im sommer heiß und warm ist außer wenigem Gebiet