Parallelwelten

Wie in Indien mehrere Jahrhunderte zeitgleich ablaufen

14. Dezember 2017: Um 4 Uhr Früh landet unser Flugzeug in Jaipur, der Hauptstadt des Bundesstaats Rajasthan im Nordwesten Indiens. Auch dieses Mal konnten wir die Reise durch die Lüfte nicht vermeiden, da es weder Passagierschiffe über den Persischen Golf, noch einen für Radfahrer sicheren Landweg durch Pakistan gibt. Ursprünglich wollten wir nach Delhi fliegen. Zum Zeitpunkt der Konkretisierung unserer Route sind die News jedoch voll von Hinweisen über den andauernden, extremen Smog. So entscheiden wir uns, die Hauptstadt weitläufig zu umfahren und legen den Startpunkt unserer Indienreise in die schmucke Alternative Jaipur. Angekommen am Flughafen sind wir ziemlich müde und gleichzeitig entspannt, da unsere Warmshowers-Gastgeber darauf bestanden haben, uns um diese frühe Uhrzeit abzuholen. Monika und Narendra – zwei Lauf- und Radenthusiasten und er der erste Ironman von Rajasthan – nehmen uns für ein paar Tage bei sich auf. Sie bereiten uns so den wohl besten Start in die neue Welt von Indien.

Gemeinsamer Radausflug mit Narendra und Monika zur Jaigarh Festung

Jaipur ist eine Stadt, die verzaubert. Seit ihre komplette Altstadt 1876 einen rosaroten Anstrich als Zeichen der Gastlichkeit bekam, ist sie als Indiens „pink city“ bekannt. Dabei ist der Farbton aber nicht kitschig, sondern einfach nur schön. Eindrucksvolle Schlösser und Festungen schmücken die Stadt und ihre Umgebung. Bei der Stadtrundfahrt mit Monika und Narendra finden wir es lustig, uns gemeinsam als flinke, exotisch wirkende Radfahrer durch das Verkehrschaos von Autos, Trucks, Rikschas oder Pferdekarren zu schwindeln. Schließlich strampeln wir die umliegenden Hügel hinauf und bewundern die drei Festungen Amber, Jaigarh und Nahargarh, sowie den einzigartigen Ausblick auf die Stadt und ihre alte Mauer. Diese erinnert uns an die Chinesische Mauer, da sie auch wie eine riesenhafte Schlange auf der hügeligen Landschaft liegt. Überall, ob in der Stadt oder am Land, laufen die Tiere frei herum. Heilige Kühe liegen wiederkauend in Gärten oder mitten auf den Straßen. Schweine wühlen mit ihren Rüsseln im Müll. Hunde haben oft größere „Euter“ als die Kühe. Affen versuchen unser Frühstück vom Tisch zu stehlen. Kamele und Elefanten werden als Lastentiere benutzt. Schlangenbeschwörer unterhalten Touristen mit Kobras, die (vorgeblich) zu den Melodien ihrer Flöte „tanzen“. Indien fühlt sich an wie ein bunter, lauter Zoo, wo mehrere Jahrhunderte gleichzeitig passieren.

Don’t take selfies with male cows. Guter Rat eines „Onkels“ in Jaipur

Neben den Highlights der Stadt führen uns die Beiden auch in die Grundlagen der indischen Kultur ein. Monika erklärt Kathi alles über Bindis und Hennas und prompt organisiert sie solch kunstvolle Verzierungen für Kathis helle Hände und Füße. Als hervorragende Köchin macht sie uns jeden Tag mit einem neuen indischen Gericht vertraut – in abgeminderter Schärfe speziell für Kathi. Das erste Chapati – eine Art von indischem Brot – wird jeden Morgen für eine der heiligen Kühe aufgehoben, aber wir bekommen definitiv auch genug zu essen und es schmeckt uns.

Eine Ziegelbrennanlage aus dem vorigen Jahrhundert

Die Luftqualität ist am ganzen indischen Subkontinent ein ständiges Thema – laut einem Bericht von Greenpeace sterben jährlich über eine Million Inder aufgrund von Luftverschmutzung. Vor allem im Winter ist Smog ein großes Problem. Narendra erzählt uns, dass Indien mit 2030 nur mehr Elektroautos neu zulassen will. Neben dem Verkehr gibt es jedoch noch unzählige weitere Luftverpester: Bauern brennen nach der Ernte ihre Felder nieder, um sie möglichst mühelos für die nächste Saat vorzubereiten. Überall wird Abfall – inklusive Plastikmüll – verbrannt, denn eine funktionierende Entsorgung existiert nicht einmal in den Städten. Nachdem wir Jaipur in Richtung Norden verlassen, kommen wir an hunderten primitive Ziegelbrennereien vorbei. Dort werden handgefertigte Ziegel in unterirdischen Kammern gebrannt. Haken an der Sache: Lange schwarze Rauchfahnen aus den riesigen Schornsteinen der Ziegelöfen verpesten die Luft ganzer Bundesstaaten. Während unserer Zeit im Nordwesten Indiens ist es sehr kalt, weil ein über 2000 km(!) ununterbrochen durchgehender „Supernebel“ ganz Nordindien bis Pakistan eindeckt. Selbst Hotels und Häuser wohlhabender Familien haben keine Heizung, obwohl die Temperaturen nachts oft im einstelligen Bereich liegen. Für viele ist die einzige Heizmöglichkeit ein Feuer… mit jedem Brennstoff, der eben gerade verfügbar ist. Oft sind das aus Stroh und getrocknetem Kuhdung hergestellte Scheiben, dann wieder einfach Müll oder Autoreifen. Immer wieder stehen in Decken gehüllte Menschen um kleine, stark qualmende Feuerstellen. Wir versuchen uns tagsüber durch Bewegung aufzuheizen und abends halten uns Winterbekleidung und Daunenschlafsäcke warm. Ständig haben wir den Rauchgeruch in unserer Nase, oft brennen unsere Augen und kratzen die Atemwege. Jeden Abend reinigen wir unsere Gesichter vom dunklen Staub und Ruß. Erst als wir die südlichen Ausläufer des Himalayas erreichen, atmen unsere Lungen wieder richtig auf. Wir können uns nur ansatzweise vorstellen wie belastend ein ständiges Leben in diesen Smogwolken sein muss. Dass die indische Regierung modern klingende Maßnahmen wie Elektroautos propagiert, wirkt auf uns heuchlerisch, wenn wir sehen, dass die Luftverpestung großteils mit bitterer Armut und struktureller Unterentwicklung zu tun hat. Solange fehlende Müllentsorgung, qualmende Koch- und Heizfeuer sowie antike Industrieanlagen nicht beseitigt sind, wird es wenig bringen, wenn die wirtschaftliche Elite zukünftig strombetrieben herumfährt.

Ob sich die breite Masse der Inder in absehbarer Zukunft aber leisten können wird, auf ihre eigene Gesundheit und die Umwelt Rücksicht zu nehmen, darf bezweifelt werden. Die indische Population hat sich in nur vier Jahrzehnten auf 1,3 Milliarden verdoppelt. Bald wird Indien das bevölkerungsreichste Land sein und somit China überholt haben. Im Gegensatz zum reguliert-marktwirtschaftlichen China sehen wir im neoliberalen Indien keine breite Mittelschicht. Im Gegenteil: Untersuchungen zeigen, dass die ohnehin schon sehr breite Kluft zwischen Arm und Reich auch in Indien zunehmend aufklafft. Wir sind selbst viel auf der Straße. In den Städten sehen wir wie sich Rikschafahrer, Straßenkehrer und Bettler abends ihr Essen am Gehsteig kochen und sich danach dort ihr Schlaflager aus dreckigen Decken einrichten. Am Land trocknen Frauen Scheiben aus Kuhdung zum Heizen. Bauern bringen die Ernte mit von Ochsen oder Kamelen gezogenen Karren heim. Indien ist einerseits aufstrebend und fortschrittlich, andererseits existieren noch Technologien und Denkmuster, die in der industrialisierten Welt längst passé sind. Werte wie Chancengleichheit der unterschiedlichen sozialen Schichten und Gleichberechtigung von Mann und Frau, scheinen sich nur mäßig zu etablieren. Frauen bekommen wir in der Öffentlichkeit am Land eher selten zu Gesicht – sie arbeiten dann am Feld oder vor den Häusern. Wenn bei kurzen Pausen oft das „ganze“ Dorf zusammen kommt, um uns wie exotische Tiere zu bestaunen und zu fotografieren, dann sind wir immer ausschließlich von Männern umzingelt.

Auch in der Politik läuft in Indien manches anders. Einmal werden wir ins Haus des stellvertretenden Gesundheitsministers des Bundesstaats Rajasthan zur Übernachtung eingeladen. Narendra – politisch selbst gut vernetzt – hatte das eingefädelt. Das Landhaus ist für den „Deputy Minister“ nur ein Nebenwohnsitz und als wir in der Abenddämmerung eintreffen, ist der Politiker noch nicht anwesend. Ein knappes Dutzend Angestellte empfängt uns. Noch bevor wir unsere Unterkunft betreten, schleppen sie uns in den Hinterhof des Anwesens. Unsere anfängliche Verwirrung über diesen „Umweg“ lichtet sich, als wir dort eine historische, palastartige Zisterne bewundern dürfen – überwuchert von uralten Gewächsen. Dann taucht der Sohn und „Manager“ des Ministers in Jogginghosen und in Begleitung einer Hand voll Journalisten auf. Zuletzt kommt schließlich auch der „Herr Minister“ selbst. Wir erfahren, dass schon der Vater des Politikers das Amt innehatte, und dass auch der Sohn diese Position anstrebt – mit guten Chancen auf Erfolg… so funktioniert also die Volksvertretung in jenem Land, das sich stolz als die größte Demokratie der Welt bezeichnet. Man bittet uns, unsere Geschichte zu erzählen und scheint dabei am interessantesten zu finden, was wir auf unserer Reise nicht gesehen haben: Als wir erwähnen, dass wir Pakistan wegen Sicherheitsbedenken nicht besuchen konnten, bittet uns der Sohn des Ministers ausdrücklich, dies im anschließend aufgenommenen Handyvideo hervorzuheben. Wir erklären ihm, dass wir die schwierige Situation in Pakistan bedauern und lassen uns nicht für seinen Indisch-Pakistanischen Hick-Hack instrumentalisieren. Nach dem „Interview“ nutzen wir die Gelegenheit und fragen den Vize-Minister was aktuell die großen Herausforderungen in der Gesundheitspolitik seien. Lapidar-inhaltsleere Antwort seines „Managers“: „Our biggest challenge is to meet the people’s expectations.”… dagegen sind sogar die Aussagen eines Sebastian Kurz geradezu inhaltsschwanger!

Als wir uns nach Indiens Identifikationssystem „Aadhaar“ erkundigen und dabei die Worte „powerful and advanced“ fallen, leuchten die Augen der beiden Politiker stolz auf. In der weltweit größten biometrischen Datenbank sind beinahe alle – also 1,2 Milliarden – Inder mit Namen, Adressen, Fingerabdrücken und Iris-Scans registriert. Ursprünglich wurde Aadhaar unter dem Vorwand des Aufspürens von illegalen Migranten eingeführt. Um die Bürger zur Anmeldung zu motivieren, sind nun auch soziale Leistungen an das „freiwillige“ System gebunden und Beihilfen werden direkt auf das verknüpfte Bankkonto überwiesen. Auch um überhaupt an subventionierte Essensrationen zu kommen, ist eine Registrierung nötig. Mithilfe dieser Datenbank kann die Regierung die Menschen besser unterstützen und Missbrauch von Fördergeldern vorbeugen, heißt es. Als wir nachfragen wie die Privatsphäre und Sicherheit der personenbezogenen Daten sichergestellt wird, bekommen wir die etwas überraschende Antwort „This topic we have to address in future“. Nur 2½ Wochen nach unserem Gespräch sehen wir in den News, dass eine Million Personendaten aus Aadhaar abgegriffen wurden. Der „Hack“ war gar nicht so ausgeklügelt: Jemand mit Zugriffsrechten hat einfach ein Türchen um 500 Rupien (etwa 6 Euro) verkauft.

To be seen on the road, just wear a helmet. This is so exotic in India, so everybody looks. Narendra

Noch am Aussitzen des Schocks

Zurück aufs Fahrrad: Oft lehnen wir Selfie-Anfragen in laufender Fahrt freundlich ab. Einerseits können wir nicht alle paar Minuten anhalten und andererseits geht es vielen tatsächlich nur um ein Foto für die sozialen Netzwerke ohne Interesse über unsere Herkunft oder unser Ziel. Auf den viel befahrenen Straßen in Indien lassen wir auch immer Vorsicht walten – außerhalb der Städte fahren viele Leute unkontrolliert und unaufmerksam. Einmal wird Hannes von hinten von einem Scooter gerammt und kommt zu Sturz ohne sich zu verletzen – nur zwei Taschen werden beschädigt. Der Fahrer hält nicht einmal an, aber sofort sind freundliche Passanten zur Stelle um zu helfen. Per Motorrad versuchen sie eine Verfolgungsjagd des Flüchtigen, bleiben aber erfolglos. Bei der Abfahrt in Richtung der Yoga-Hauptstadt Rishikesh passiert es dann aber doch: Kathi kommt zum Sturz als drei Jungs auf einem Scooter beim Überholen ihr Vorderrad rammen. Wieder düsen die Unfallverursacher mit Vollgas davon… Verantwortung für Probleme zu übernehmen ist keine Stärke der Inder. Dieses Mal ist es mehr als nur ein Materialschaden: Knie, Schulter, Hand sind tief aufgeschürft… der Schmerz von den Prellungen kommt erst später. Wieder halten ein paar Menschen und bieten ihre Hilfe an. Sie meinen es sei sinnlos, die Polizei zu rufen und wir müssen sie erst dazu überreden, das zu tun. Die Polizei kommt zwar nicht zum Unfallort, aber zumindest sind nun der Unfall und die Fahrerflucht gemeldet. Hannes kümmert sich um Kathis Wunden und wir sitzen den Schock noch etwas aus. Plötzlich taucht einer der Scooter-Beifahrer auf. Er wirkt geknickt und eingeschüchtert. Wir mögen doch bitte zur Polizeistation mitkommen… dort wird sein Freund festgehalten und wir sollen ihn rausholen. Die Logik der Sache erscheint uns noch nicht, aber dennoch: Auf geht’s zur Polizeistation! Zuerst sind nur die Freunde des Unfallfahrers anwesend, aber nach und nach wird die Gruppe immer größer und schließlich kommt auf Drängen der anderen auch noch der Fahrer. Der Junge und seine Freunde stehen rund um uns. Immer wieder ziehen sie sich mit beiden Händen an ihren eigenen Ohren und sagen „Sorry! Sorry!“ Offensichtlich ziehen sich Inder an den Ohren, wenn sie eine Entschuldigung wirklich ernst meinen. Der Polizist übersetzt unsere Frage, warum er Fahrerflucht beging. Schweigen. Der Beamte schreit den Jungen an und gibt ihm vor unseren Augen ein paar knallende Ohrfeigen. Die anderen Polizisten kichern. In welchem Film sind wir hier? Wir bitten ihn damit aufzuhören und verstehen erst später, dass uns indirekt mitgeteilt wird, dass sie sich schon um den Jungen kümmern werden… und wir besser keine Anzeige erstatten sollen. Wir holen uns Rat bei Narendra und als wir von seinem Anwalt erfahren, dass auf Fahrerflucht bis zu drei Jahre Gefängnis stehen, ist die Entscheidung klar: Wir lassen den Jungen vom Haken! Die nächsten Tage verbringen wir in Rishikesh, ohne Yoga, dafür mit steifem Knie, einem ruhigen Silvesterabend und kleinem Feuerwerk. Die Bewegungsfreiheit des Knies ist auch nach vier Ruhetagen noch eingeschränkt, aber das Radfahren tut dann doch gut. Langsam fahren wir weiter und sind noch vorsichtiger als schon zuvor.

Am 7. Jänner überqueren wir die Grenze zu Nepal. Es ist nach wie vor kalt und nebelig. Nach etwas mehr als drei Wochen Indien blicken wir zurück auf die schöne Zeit mit unseren neuen Freunden, prachtvolle Paläste, Tempel und Gärten, interessante Einblicke in traditionelle Handwerke und viele herzliche Begegnungen. Andererseits bleibt uns Indien auch als Land mit großen Herausforderungen in Erinnerung und wir hoffen, dass es vor allem eine Lösung für die extremen Verschmutzungen sowie eine gerechtere Verteilung des Wohlstands finden wird.