Fast wie zuhause, aber eben nur fast

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Rockies in Colorado und unseren Alpenrepubliken

18. Juni 2017: Vor dem Anstieg auf die Rockies lassen wir unsere Fahrräder noch durchchecken und schmieren. Damit rollt es sich gleich viel leichter und leiser. Die Straße zum Lizard Head Pass geht entlang des Dolores River, der nach der Schneeschmelze noch immer viel Wasser führt. Der Anstieg ist nicht zu steil. Die Temperaturen werden langsam kühler. Rund um uns ist es saftig grün, mit manchmal sichtbaren grauen oder roten Felsen. Immer öfters kommt uns der Gedanke: „Wie zuhause in den Alpen oder Voralpen“. Die Rockies sind weitläufiger und scheinen weniger zusammen gedrückt als die Alpen, und sie haben zwischendurch mehr rötliche Farben, was wir von den heimischen Bergen so weniger kennen. Aber sonst… Wie daheim in Österreich und der Schweiz.

Lizard Head Pass erreicht!

Nach dem Pass auf 3116 Meter schlagen wir unser Zelt bei dem Priest Lake auf, wo auch einige andere ihre Nacht verbringen. Die meisten kommen in die Höhen um zu wandern, zu fischen oder sie steigen auf Mountain Bikes. Zahlreiche Wanderwege und Bike Trails ziehen sich über das Berggebiet – jedoch nicht so dicht, wie man es aus den Alpen kennt. Um etwas mehr Einblick in das amerikanische Bergsportleben zu bekommen, machen wir einen Abstecher nach Telluride, dem Kitzbühel von Colorado. Der Name soll von einer Ableitung des Satzes „To hell you ride“ kommen. Damit wird auf die steilen Berge mit 14 doppelt-schwarzen Pisten hingewiesen (in Europa gibt es diese Kategorie nicht, und auch in Amerika sind sie eher selten zu finden). Einige amerikanische Prominente haben in der Umgebung ihre Ferienhäuser. Im Ort reiht sich ein Sportgeschäft nach dem anderen. Am Ende vom Tal schmückt ein großer, schöner Wasserfall das Stadtbild von Telluride. Wir trinken Kaffee und Tee und fahren dann weiter, 1000 Meter hinunter, wo es wieder über 30° Celsius hat und weniger wie in den Alpen aussieht.

Sternennacht- und Lichtverschmutzungsinfo-Abend

Der nächste Abstecher mit eine paar hundert Extra-Höhenmetern führt uns zum letzten Canyon unserer Reise, dem Black Canyon of Gunnison Nationalpark. Die enge Schlucht, wo nur wenig Sonnenlicht bis zum Grund fällt, beeindruckt uns sehr. Wir haben Glück: An diesem Abend findet eine Astronomie-Vorstellung statt und wir sehen eine Präsentation über den aktuellen Stand und die Auswirkungen der Lichtverschmutzung. Künstliche Lichtquellen in der Nacht, vor allem jene, die sinnlos in Richtung Himmel leuchten, haben störende Einflüsse auf die Umwelt, besonders für die Tiere. Insekten und Vögel sind in ihrer Navigation und Orientierung irritiert. Meeresschildkrötenbabys können den Weg ins Meer nicht finden, wenn der Strand zu hell beleuchtet ist. Störungen des menschlichen Hormonhaushalts wurden ebenfalls bereits nachgewiesen und werden aktuell noch weiter erforscht. Und dann beeinflusst künstliches Licht natürlich auch astronomische Beobachtungen. Im Black Canyon Nationalpark gibt es keine Lichtverschmutzung und es ist daher ein perfekter Ort um den Sternenhimmel zu bestaunen. Freiwillige Hobby-Astronomen sind an dem Abend im Nationalpark um ihre Faszination für die Sterne mit uns zu teilen. Die riesige Pracht der Milchstraße ist hier mit freiem Auge sehr gut erkennbar. Jedoch helfen uns verschiedene Teleskope, noch weiter in die Ferne zu blicken. Wir sehen den strahlenden Jupiter mit seinen Monden, die Ringe des Saturns, Doppelsterne – d.h. zwei Sterne die umeinander kreisen – und auch Doppel-Doppelsterne. Mit einem Spiegelteleskop von der Größe einer dicken Kanone tauchen wir sogar in einen Sternen-Cluster ein, der Millionen Lichtjahre entfernt liegt. Wir fühlen uns ganz klein, und versuchen es zu begreifen, dass wir hier nur in die Vergangenheit zurück blicken und manche Sterne möglicherweise gar nicht mehr existieren. Spät nachts legen wir uns in unser nicht 5-Sterne-, sondern Millionen-Sterne-Unterkunft, um am nächsten Tag wieder fit für die nächsten Kilometer zu sein.

Man überquert die Rockies nicht in einem Tag, zumindest nicht mit dem Fahrrad. Nach drei Tagen auf hügeligen Hochebenen und Canyons wartet noch ein zweiter großer Pass auf uns. Der Monarch Pass ist ein sehr beliebtes Ausflugsziel und Teil der großen kontinentalen Wasserscheide zwischen Pazifik und Atlantik. Wieder werden wir an die Berge der Alpen erinnert, wieder rollen wir über 1000 Höhenmeter hinunter zu den hügeligen Ausläufern der Rockies und in Richtung der Stahlstadt Pueblo.

Once you get to Pueblo, you can buy Marijuana. You know, it is legal there? Redneck in Westcliffe

Ganz legal: Cannabis zu Erholungszwecken

Wir wissen nicht, dass Marihuana 2014 in Colorado legalisiert wurde, bevor uns verschiedene Leute – von Hippies bis zu alteingesessenen Rednecks – stolz darauf hinweisen. Cannabis für medizinische Maßnahmen wurde in Colorado bereits im Jahr 2000 erlaubt. 12 Jahre später gab es eine Volksabstimmung, ob es auch für „recreational use“ – also zu Erholungszwecken für jeden ab 21 Jahre – legal sein soll, und die 55%-Mehrheit stimmte mit „Ja“. Seitdem gibt es natürlich auch Cannabis Tourismus von den anderen Staaten, aber Zugang und Konsum sind streng geregelt und werden stark überwacht. Wir kommen bei einem lizenzierten Cannabis Geschäft vorbei und sind überrascht über das diskrete Erscheinungsbild. Nach einer kleinen Recherche erfahren wir, dass der Staat von dieser Regelung sehr profitiert: Gleich im ersten Jahr der Legalisierung waren die Steuereinnahmen 42,5 Millionen Dollar hoch, wobei die gesamten Einnahmen für Programme des Bildungsministeriums und öffentlichen Schulen verwendet wurden. Zusätzlich wurden die Kriminalisierung, und somit auch die damit verbundenen Verfahrenskosten drastisch reduziert. Diese Politik erinnert uns nicht mehr an die Heimat…

Nach Pueblo fahren wir weiter und sind bald im nächsten Staat, wo wieder andere Gesetze gelten und das Land flach ist… sehr flach.

One Response to “Fast wie zuhause, aber eben nur fast”

  • Werner Hochhauser

    Wirklich sehr coole Sache Hannes! Alles Gute! BG Werner