Durch das Land der Ungewissheit

Ăśber die herzliche Gastfreundschaft und bedenklichen Erkenntnisse in der TĂĽrkei

24. September 2017: Es ist schon dunkel als die kleine Fähre „Sultan 1“ in den Hafen von Kuşadasi einfährt. Wir sind gespannt, ob unsere Einreise in die Türkei problemlos verlaufen wird. Schon seit Monaten verfolgen wir die aktuelle Lage des Landes in verschiedenen Medien. Mitte Juli haben Deutschland und Österreich die Reisehinweise für die Türkei verschärft, da es „zu vorübergehenden Festnahmen sowie zu Zurückweisungen von EU-Bürgern kam, ohne dass konkrete Vorwürfe seitens der türkischen Behörden bekannt geworden sind“. Die Türkei konterte und rief Anfang des Monats eine Reisewarnung für Deutschland aus, was nur auf Unverständnis bei den EU-Ländern stieß. Die Länderbeziehungen sind offensichtlich angespannt. Dennoch bleiben wir bei unserem Plan durch die Türkei zu fahren, wir nehmen uns aber vor, die Lage immer im Auge zu behalten. Außerdem vermuten wir, dass die Einreise über einen kleinen Hafen unkompliziert sein wird. Tatsächlich kommt es wohl nicht oft vor, dass zwei Reisende mit vollgepackten Fahrrädern in Kuşadasi ankommen: Zuerst werden wir verdutzt von oben bis unten gemustert, danach werden unsere Pässe und die Visa kontrolliert, und nach einer halbherzigen Durchleuchtung von Teilen unseres Gepäcks gibt es ohne Probleme die Einreisestempel in unsere Pässe. Huhu… Türkei wir sind da!

Kleine Fähren warten in Griechenland auf die Überfahrt in die Türkei.

Besonders zu Beginn wollen wir einen besseren Einblick in die aktuellen Geschehnisse im Land sowie den einen oder anderen Tipp für die Reise durch die Türkei erhalten. Dank Couchsurfing und Warmshowers können wir sehr einfach den Kontakt zu Einheimischen im ganzen Land herstellen. Von unseren Gastgebern erfahren wir, dass uns die türkische Bevölkerung freundlich willkommen heißen wird. Lediglich die Menschen im Osten würden zunehmend konservativere Einstellungen haben – Kayseri im Zentrum der Türkei sei die letzte „irgendwie westliche“ Stadt. Unsere geplante Route ruft bei den Einheimischen keine wesentlichen Sicherheitsbedenken hervor – lediglich ganz weit im Osten sei Vorsicht angesagt. Damit sind die Kurdengebiete gemeint.

Gastfreundschaft: Türkischer Tee gehört zum guten Ton

Gleich während der ersten paar Tage am Fahrrad stellen wir erfreut fest, dass sich die vorangekündigte, herzliche Gastfreundlichkeit voll und ganz bewahrheitet. Nicht nur von Gastgebern werden wir stets als Teil der Familie behandelt, auch wildfremde Menschen kommen auf uns zu, um ihre Freude über unsere Anwesenheit in ihrem Land auszudrücken. Wir machen Pause an einer Tankstelle und setzen uns auf eine Stufe. Schon einen Augenblick später kommen die beiden Tankwarte mit zwei Gläsern Chai (türkischem Tee) für uns heraus. Kurz darauf gibt es auch noch Kekse als Dessert und – bitte! – einen gemeinsamen Selfie für die Herren… klar doch. „Chai, Chai“ hören wir auf unserer Reise durch die Türkei noch sehr oft. Um auf unsere geplanten Tageskilometer zu kommen und nicht den ganzen Tag Tee zu trinken und Selfies zu schießen, müssen wir (leider) auch viele Einladungen ausschlagen. Außerdem kommen wir regelmäßig in den Genuss der lokalen Früchte. Im Meandertal hängen unzählige Granatäpfel an den Bäumen und schreien nur so danach gepflückt zu werden – eine Verlockung, der wir ab und zu nicht widerstehen können. In der Zentraltürkei ist gerade Apfelernte und so werden uns am Straßenrand immer wieder frische Äpfel mit einem freundlichen „Elma!“ entgegen gestreckt. Unsere Gastgeber verwöhnen uns mit lokalen Köstlichkeiten und stellen vor jeder Abreise sicher, dass auch unsere Provianttaschen voll sind. Wir sind überrascht von der Herzlichkeit der Menschen… keine Spur von der angespannten Beziehung unserer Länder.

Do you think Turkey could be a member of the European Union one day? Ein liberaler tĂĽrkischer Apotheker in Denizli

Mit den Englisch-sprechenden Einheimischen kommt früher oder später das Thema der politischen Lage auf. Es entstehen Diskussionen über das Ansehen der Türkei im Ausland und die Probleme im Inland. Seit dem gescheiterten Putsch am 15. Juli 2016 sehen durchwegs alle die negativen Entwicklungen in Richtung weniger Meinungsfreiheit, weniger Bildungsfreiheit, mehr Zensur im Web und mehr Islamisierung. Seit April 2017 ist beispielsweise der Zugriff auf die komplette Wikipedia in der Türkei gesperrt. Grund für die Totalblockade sind zwei einzelne Textstellen, welche die Unterstützung von Terrororganisationen durch die Türkei thematisieren. Einer unserer neuen Freunde erzählt uns, dass seine Nichte bis vor einem Jahr ihre Freifächer in der Schule wählen durfte. Zur Auswahl standen diverse Fremdsprachen oder künstlerische Themen. Dieses Jahr wurden für alle Kinder die „Wahlfächer“ vom Staat gewählt: Arabisch als Fremdsprache und Koranunterricht. Die Proteste der Eltern seien mit einem „Dein Kind wird zu einem gutem türkischen Bürger erzogen“ abgehandelt worden. Generell sind  Meinungen, die nicht mit der Linie der Regierung übereinstimmen, nicht gern gesehen. Ein Freund erzählt uns, dass er nach regierungskritischen Äußerungen und der Verwendung des Wortes „Diktator“ auf Facebook eine Einladung von der Polizei erhalten habe. „Was er mit seinen Postings genau meine?“ „Und wen er als Diktator bezeichne?“. Nach mehreren Stunden Befragung ging es noch mal gut aus und er durfte wieder gehen, aber sein Facebook Profil löschte er zur Sicherheit trotzdem. Andere kommen nicht ganz so glimpflich davon. Wir treffen einen Lehrer, der auch Anhänger der Gülen-Bewegung ist. Ihm und seiner Frau – ebenfalls Lehrerin – wurden die Lehrbefugnisse entzogen. Sie arbeitet jetzt in einer Fabrik, er hatte etwas mehr Glück und konnte in „Pension“ gehen. Unzählige Lehrer oder Militär-Angestellte dürfen nicht mehr ihrer ursprünglichen Arbeit nachgehen oder – noch schlimmer – sitzen im Gefängnis. Es ist schwer zu fassen was hinter den Kulissen in der Türkei passiert,  während wir das Land von Westen nach Osten durchqueren.

Die Entwicklungen im Land beeinträchtigen nicht nur die Systemkritiker. Wir begegnen tüchtigen Geschäftsleuten, sowie Restaurant- und Hotelbesitzern. „Normalerweise ist das Hotel um diese Zeit voll…“, wird uns in Kappadokien erzählt, „aber seit dem letzten Jahr sind die Nächtigungszahlen stark zurückgegangen“. Andere, die viel mit Im- und Export zu tun haben, klagen über die Ungewissheit der internationalen Beziehungen und deren Auswirkungen auf den Handel. Als wir die „Gretchenfrage“ zum EU-Beitritt der Türkei mit einem „Aktuell und mit den Entwicklungen der letzten Jahre ist das nicht realistisch“ beantworten, ernten wir ein enttäuschtes, aber verständnisvolles Kopfnicken. Die Lage ist frustrierend für diese weltoffenen Menschen. Sie würden gerne Teil einer globalisierten Gesellschaft sein und die damit verbundenen Chancen nützen können, müssen jedoch praktisch wehrlos mitansehen, wie sich ihre Nation der liberalen Welt gegenüber mehr und mehr verschließt. Wir versuchen unseren Freunden Zuversicht zu geben und erzählen, dass die EU die Entwicklungen des Landes mit Besorgnis beobachtet. Viele Politiker – und der Meinung sind auch wir – sprechen sich auch gegen einen Abbruch der Gespräche mit der Türkei aus, um vor allem den aufgeklärten Menschen im Land die Hoffnung und das Gefühl der Unterstützung nicht zu nehmen. Nun alle Brücken nieder zu reißen, würde der türkischen Regierung genauso in die Hände spielen wie der gescheiterte Putsch.

Elf Tage vor der österreichischen Nationalratswahl am 15. Oktober halten wir unsere Wahlkarten in den Händen. Unser Freund Greg hat sie uns von der Schweiz in die Türkei geschickt, damit wir sie ausgefüllt und unterschrieben zurück nach Österreich senden können. Wir freuen uns und sind etwas stolz, wählen zu können. In einem Land, in dem Demokratie und Säkularismus gerade zerbröckeln, wird uns bewusst, welches Privileg wir genießen.

Vor dem Iran besorgen wir uns zwei Silberringe, um glaubwĂĽrdiger als „Ehepaar“ auftreten zu können.

Weiter im Osten bereiten wir uns mehr und mehr auf das nächste – noch deutlich reaktionärere – Reiseziel vor. Kathi hat zwar schon einen Seidenschal als Kopftuch eingepackt, aber ein entsprechend nicht-figurbetontes KleidungsstĂĽck fehlt noch. Wir besorgen also eine pechschwarze Tunika aus einem luftigen, strapazierbaren Gewebe… perfekt fĂĽr die Radreise in ein islamisches WĂĽstenland! Um den moralischen Vorstellungen der Konservativen im Iran zu entsprechen und allfällige Probleme zu vermeiden, bedienen wir uns auĂźerdem „alternativer Fakten“: Wir kaufen auch zwei Fake-Eheringe. So sollten wir gut gewappnet sein fĂĽr den Iran.

Am 24. Oktober blicken wir zurück auf 2000 km Türkei, mit wunderschönen Landschaften, zauberhaft antiken Stätten und unzähligen, herzlichen Begegnungen. Wir wurden sehr positiv überrascht von dem Land und hoffen, dass sich neben den guten zwischenmenschlichen Beziehungen in Zukunft auch die politischen Verhältnisse wieder bessern werden.